Ehrlichkeit währt am längsten – stimmt das überhaupt?
Ehrlichkeit währt am längsten – stimmt das überhaupt?
Ich bin mir da inzwischen nicht mehr so sicher. Nehmen wir ein ganz banales Beispiel: Eine Frau zeigt auf Instagram ein Outfit und fragt: „Wie findet Ihr das?“
Darunter stehen zwanzigmal: „Toll!“ „Wunderschön!“ „Steht Dir super!“ ❤️ Und ich denke: NEIN. TUT ES NICHT.
Und damit sind wir bei einer Frage, die viel größer ist als ein missglücktes Outfit:
Was bringt einem Menschen ein Kompliment, das nicht ehrlich gemeint ist? Gar nichts! Vielleicht sogar das Gegenteil. Denn wenn ich immer wieder höre, dass etwas großartig ist, obwohl kaum jemand wirklich so empfindet, bekomme ich eine völlig falsche Rückmeldung. Aber bedeutet Ehrlichkeit deshalb, dass ich immer alles sagen muss, was ich denke?
Auch nicht!
In der Psychologie gibt es dafür den Gedanken der selektiven Authentizität: Ich darf eine Wahrheit in mir tragen, ohne sie automatisch zu jedem Zeitpunkt und ungefiltert nach außen zu tragen. Ich kann also vieles denken und halte trotzdem meinen Mund.
Authentisch zu sein bedeutet nicht, jeden Gedanken ungefiltert herauszuballern. Wir haben schließlich nicht nur einen Mund, sondern auch ein Gehirn 😉. Für mich bedeutet Ehrlichkeit nicht nur, den Mut zu haben, die Wahrheit zu sagen. Sie bedeutet auch, Verantwortung für die eigene Wahrheit zu übernehmen. Die entscheidende Frage ist ja nicht, ob es wahr ist, sondern vielmehr, ob ich es sagen muss. Übrigens in vielen Lebenslagen und nicht nur hier auf Instagram.
Wahrheit darf auch einfach mal bei mir bleiben, denn ungefragte Ehrlichkeit ist nicht automatisch eine Tugend. Manchmal ist sie einfach nur Rücksichtslosigkeit mit einem Heiligenschein. Ich muss Dich nicht belügen, um nett zu Dir zu sein. Aber ich muss Dir auch nicht jede Wahrheit vor die Füße kippen, nur weil ich sie besitze; die schwierigste Form der Ehrlichkeit also. Zu wissen, was man sagen könnte und trotzdem zu wissen, wann man besser nicht sagt!
Wie denkt ihr darüber?
Eure Britta










