Warum heute alle authentisch sein wollen und dabei exakt gleich aussehen!

Früher wollte man besonders sein oder etwas Besonderes werden. Heute wollen alle „einfach nur sie selbst“ sein. Man ist heute „ästhetisch“!
Wenn ich mich durch soziale Medien bewege, begegne ich gefühlt überall derselben Frau: Man erkennt inzwischen jede Großstadtbewohnerin zwischen 35 und 65 zuverlässig an drei Dingen: beigefarbener Mantel, Thermobecher in Salbeigrün und der Gesichtsausdruck einer Frau, die gerade „bei sich angekommen“ ist. Dazu ein Wohnzimmer in „skandinavischer Klarheit“, was bedeutet: kein Mensch lebt dort wirklich. Offenbar „wohnt“ niemand mehr – alle kuratieren!
Ich finde, dass die so offenbar gelebte Authentizität inzwischen eine Art Uniform geworden ist. Zahlreiche Creator posten „ungeschminkte“ Fotos, für die sie vorher 43 Minuten Licht eingestellt haben. Man zeigt „echte Momente“, allerdings nur, wenn der Hafermilchkaffee perfekt arrangiert neben einem Buch liegt, das niemand zu Ende gelesen hat. Selbst spontane Fröhlichkeit wirkt mittlerweile, als hätte sie ein Content-Manager freigegeben.
Diese vollkommen inszenierte Spontaneität geht mir so richtig gegen den Strich. Menschen posten Bilder mit der Bildunterschrift: „Ganz ungefilterter Sonntag.“ Darauf zu sehen: ein perfekt drapiertes Croissant, ein Buch von Simone de Beauvoir, das nie über Seite 11 hinaus gelesen wurde, und Füße in Wollsocken, strategisch Richtung Morgenlicht gestreckt.
Das Skurrile: Natürlich behaupten trotzdem alle, sie seien „total individuell“. Und alle reden davon, „echt“ zu sein. Sagen zumeist die, die 17 Fotos machen, bevor sie zufällig lachend in eine Kamera schauen und die exakt dieselbe Tasche besitzen wie drei Millionen andere. Individualität endet heute offenbar dort, wo ein Algorithmus Rabattcodes verteilt. Puhhhhh!
Vielleicht ist es schon revolutionär, einmal etwas komplett Unmodernes zu tragen. Orange zum Beispiel. Oder schlechte Laune.
Und wie seht Ihr das mit Authentizität in sozialen Medien?
Eure
Britta












